Die Frage

Meine Mitschüler hörten nicht auf. Trieben mich trotz meiner harten Fäuste und Knie in eine Sackgasse aus Fragen und Verzweiflung, aus der es für mich nur einen Ausweg zu geben schien. Ich musste die Frage stellen.
Nachmittags saß ich inmitten meiner Katzen und weinte. Auch ihre Nähe konnte mir kein Glück mehr schenken. Ich musste es jetzt wissen. Den Mitschülern etwas entgegenhalten. Gerd und Anne würden „ja“ sagen. Ganz bestimmt. „Natürlich sind wir deine richtigen Eltern. Deine Mama und dein Papa, genau, wie du zu uns sagst.“

Endlich würden die Rufe der Kinder an mir abgleiten. Es wäre, als stünden meine ganz und gar richtigen Eltern, Gerd und Anne, mitten auf dem Pausenhof an meiner Seite. Unangreifbar wäre ich, könnte jedem den Mittelfinger zeigen. Unsere Familie würde lachen über das dumme Geschwätz der anderen Kinder, ihrer Eltern und des ganzen Dorfes. Endlich wäre Ruhe. Stille. Und ich führe mit Mama und Papa heim.

Die Katzen huschten zur Seite als ich mich erhob, das Scheunentor hinter mir zuzog und entschlossen zum Haus ging. Seit Tagen dachte ich darüber nach, wie ich die Frage stellen sollte. Schon ein Zögern oder Versprecher konnte alles zum Scheitern bringen. Mein Mut würde einbrechen und Anne mir das Abendbrot reichen, eine dunkle Scheibe mit Käse, Wurst und Gurke, etwas Gutes und Gesundes. Gerd würde von seinem Tag erzählen, seiner Arbeit bei der Post. Welche Briefe waren wohl unzustellbar gewesen, sollten einem Sohn in die Hand gedrückt werden, der gar nicht der Sohn war?

Wir setzten uns. Sieben Jahre war ich. Wusste aus der langen Zeit vor diesem, dem heutigen Tag meiner Frage, dass jetzt, im Moment des Hinsetzens, eine winzige Pause im Tagesablauf, ein sehr kurzes, jedoch vorherbestimmtes Schweigen eintreten würde. Da war es schon. Und ich machte es mir, ganz nach Plan, zu eigen.
„Mama, …“„… Papa …“

Gerd und Anne hoben ihre Köpfe ein wenig, als hätten sie soeben ein Tischgebet gesprochen. Was wir nie taten und jetzt auch nicht mehr geholfen hätte.

„Jan?“, lächelte Gerd mich an und ich antwortete ebenfalls mit einer Frage.
Ich sagte sie schnell. Auf den Punkt. Ohne Zögern, Versprecher oder Möglichkeit einer Umkehr. Da war sie, stand meine Frage im Raum wie ein Klirren, ein Rasiermesser, das etwas zwischen uns durchtrennte.
„Mama, Papa, seid ihr eigentlich meine richtigen Eltern?“