Heimkind

Im Kindergarten fühlte ich mich geborgen. In einiger Entfernung von unserem Dorf gelegen, wusste niemand dort von meiner Adoption und ich verbrachte glückliche Tage. Die Schultüte in der Hand, betrat ich anschließend jenen Ort, an dem, wie meine Eltern immer sagten, der Ernst des Lebens begann. Dass es so ernst werden würde, hatte ich allerdings nicht geahnt.

Das Tuscheln der Dorfbewohner über meine nebulöse Herkunft und die Adoption trug bittere Früchte. Was meine Mitschüler dabei an Ausdrücken über mich aufgeschnappt hatten, wurde ihnen auf dem Schulhof zur Waffe und sie knallten mir Wörter ins Gesicht, mit denen ich nichts anzufangen wusste.

„Heimkind.“
Ich hörte das. Betrachtete das andere Kind. Verstand nicht, was der Ausdruck mit mir zu tun hatte und antwortete handfest.
„Schnauze, Dummkopf.“

So ging ich davon, tollte mit einigen Mitschülern über den Pausenhof und vergaß das merkwürdige Wort.
Am nächsten Tag war es wieder da.

„Da kommt das Heimkind!“
Gleich mehrere Klassenkameraden standen mir gegenüber, verschanzten sich hinter dem Wort, glotzten und warteten auf meine Reaktion. Die konnten sie haben. Ich hob den Stinkefinger, ließ die Idioten links liegen und stand mit meinem Ranzen plötzlich allein in der Eingangshalle der Schule.
Wie still es hier war. Die anderen spielten noch draußen, gleich würden sie reindrängeln und zu den Klassenräumen stürmen. An mir vorbei, dem „Heimkind.“
Wieder hatten sie das zu mir gesagt. Heimkind. Was für ein Blödsinn. Wusste ich doch, was ein Heimkind ist. Ein Kind, das keine Eltern hat. Ich aber hatte Eltern. Nachher würden sie mich von der Schule abholen. Wie jeden Tag. Meine Mitschüler mussten doch sehen, wie Anne und Gerd kamen, ich an ihrer Seite zum Auto ging und wir als Familie davonfuhren. Ich war kein Heimkind. Ein Blinder konnte das erkennen. Warum nur nannten sie mich immer so?