Hier eine kleine Leseprobe aus meinem Buch

Ich der Fehler

Ich wurde älter, meine Schläge härter und niemand kam mir in der Schule mehr dumm. Schiefe Blicke oder ein versehentliches Anrempeln quittierte ich mit einem Schubsen. Wer mehr brauchte, kriegte das auch. War mein Körper doch von Anspannung, Kraft und Kontrollverlusten erfüllt, dass mir selbst bange wurde. Ich drohte zu explodieren, war wurzellos und konnte nicht anders, als den ewig aus dem Abgrund in mir aufsteigenden Lavastrom aus Wut und Verzweiflung in meine Umwelt zu ergießen. Mein erster Joint sollte etwas Ruhe bringen. Da war ich dreizehn. Der warme süße Rauch füllte die Leerstelle in mir. Ließ mich lachen wie lange nicht mehr.

Hörte das Lachen auf, zog ich neuen süßen Rauch in meine Leerstelle. Wie gut das tat. Vielleicht brauchte ich meine leibliche Mutter gar nicht zu suchen. Das Zeug hier war vielleicht besser als sie. Schließlich hatte sie mich weggegeben. „Muss“, sinnierte ich im Haschischrauch, „wer sein leibliches Kind weggibt, nicht ein Monster sein?“

Ich schloss die Augen, spürte das Süße im Mund und verwarf den dummen Gedanken. Sicher war meine Mutter eine schöne Frau mit langen blonden Haaren und dem hübschesten aller Gesichter. Sie würde perfekt sein, wie leibliche Mütter immer perfekt sind. Doch warum konnte sie mich nicht in ihrem Leben haben, gab mich weg wie ein schreckliches Ding, das sie nicht wollte?

Auf diese Frage gab es für mich nur eine Antwort. Ich selbst musste der Grund sein. Etwas anderes war für mich fortan nicht denkbar. Doch konnte ich als Neugeborenes etwas falsch, einen, mein normales Leben zerstörenden Fehler gemacht haben?

Wohl kaum. Also musste ich selbst falsch, in meinem gesamten Dasein nicht weniger als ein Fehler und für meine leibliche Mutter unaushaltbar gewesen sein. Womöglich spürte sie schon vor meiner Geburt, dass ich mich zu einem Arschloch entwickeln würde, das seine Eltern quälen und als Jugendlicher im Drogensumpf waten würde. Nur eines sollte mich vor dem endgültigen Versinken retten – der Schwur, meine leibliche Mutter und meinen Vater zu finden.