Meine mutigen Eltern

Fasziniert beobachtete ich meine Verwandten, stellte jedoch auch bei Begegnungen mit den Dorfbewohnern etwas fest, das mich verunsicherte. Kaum sahen sie mich, huschte ein flüchtiges Erzittern über ihr Gesicht, eine kleine Irritation, als stehe ihnen jemand gegenüber, der fremdartig und ein wenig unheimlich war. Angst hatten sie sicher nicht vor mir. Gleichwohl schien es, als hüteten die Dorfbewohner ein gemeinsames Geheimnis, das ich als Einziger nicht erfahren durfte.

Denn natürlich wussten sie es, hatte das ganze Dorf von meiner Adoption erfahren, als ich plötzlich in Annes Armen lag.
„Frau Klein, wann ist es denn soweit?“

Niemand hat Anne das in unserem kleinen Dorfladen jemals gefragt. Nie lief sie mit anwachsendem Bauch durch die Straßen, wurde schwerfällig und bekam einen Blasensprung. Körperlich unverändert stand sie in unserem kleinen Laden. Kaufte wie üblich für zwei Personen ein und brachte heim, was sie immer nach Hause trug.

Dann kam der Tag, an dem ich einer der Dorfbewohner wurde. Außer ihren Eltern und Verwandten hatten Gerd und Anne niemandem von der Adoption und meiner bevorstehenden Geburt aus dem Körper einer anderen Frau berichtet. Aus heiterem Januarhimmel war ich nun da. Wie leicht hatte meine leibliche Mutter es sich gemacht, ihrem im Januar geborenen Sohn den Namen Jan zu geben.
Für die Dorfbewohner kam dieser Jan aus dem Nichts. Über Gartenzäune, hinter Rücken, an Wirtshaustischen, auf Sportplätzen und in den Wohnstuben setzte Gerede ein.
„Jan heißt er, habe ich gehört.“
„Wer wohl die leibliche Mutter ist?“
„Anne kann ja wohl keine Kinder bekommen. Irgendeine Krankheit nehme ich an.“

„Oder war es doch Gerd? Wahrscheinlich klappt es bei ihm nicht.“
Gekicher. Sowie ein Strudel aus unbeantworteten Fragen, Misstrauen und Geschwätz, in den ich mit Beginn der Schulzeit hineingeraten würde. Jeder im Dorf wusste, dass ich nicht das leibliche Kind meiner Eltern war. Das genügte, um die Blicke der Menschen mit etwas zu durchsetzen, das schwer auszuhalten war. Ich war nicht normal. Das ließen sie mich spüren und bald auch wissen.

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